Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



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Tarmitz und Langenhorst 1890-1919

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In Tarmitz beginnt die Geschichte mit Ernst Grebien, der 1881 in Müggenburg geboren wurde und 1889 mit seinen Eltern Christoph und Anna Grebien nach Tarmitz zog (dort hatte ein Maurermeister abseits des Dorfes vier neue Gehöfte errichtet: Tarmitz-Vierhausen).
Sie kamen aus der Landwirtschaft, hatten aber nichts geerbt, da im Wendland Höfe immer als Ganzes an den ältesten Sohn vererbt wurden. In Müggenburg hatten sie eine kleine Kate, wie es sie im Wendland häufig für Leute gab , die bei Großbauern in Lohnarbeit beschäftigt waren.

Sie setzen ihre drei kleinen Kinder in einen Handwagen und ziehen mit ihrem wenigen Hab und Gut von Müggenburg durch die Wiesen nach Tarmitz. Das Haus hatte u. a. eine große Küche mit Keller und Kellerkammer   und eine Scheune mit Stallungen. 4 ½ Morgen Acker und Wiese gehörten auch dazu.

Die Grebiens sind froh, eine kleine eigene Landwirtschaft betreiben zu können. Dass es nicht einfach ist, ihr kleines Anwesen zu finanzieren, geht aus  komplizierten Grundbucheinträgen hervor:

Tarmitz, etwa 1920, Frau Grebien mit Nachbars Kindern.

Als die Eheleute Christoph und Anna Grebien das Haus kauften, mussten sie einen Kredit aufnehmen und das Haus mit 1500,- Mark belasten. In den folgenden vier Jahren brauchten sie weitere 4000,- Mark für ihre Wirtschaft und konnten die Bank offenbar nicht zufrieden stellen. 
Es kam zur Zwangsversteigerung. Wie das genau ablief, ist nicht belegt, aber das Ergebnis war, dass der Sohn Johann, der zu der Zeit Dienstknecht in Klein Breese war, das Anwesen für 6100,- Mark ersteigerte.
Irgendwie hat die Familie also zusammengelegt und den kleinen Besitz gerettet. 
Mit 4 ½ Morgen können Grebiens sich Kossater nennen. Als Landwirte oder gar richtiger Bauern sind sie nicht anerkannt.
Christoph bekommt  noch Arbeit in der Brauerei in Lüchow. Es werden weitere drei Kinder geboren.
Das Leben ist zu Kaisers Zeiten im Wendland entbehrungsreich, hart, mitunter grausam und selten gerecht.  Zucht und Ordnung herrschen.
Die Mutter von Ernst arbeitet  trotz der sechs Kinder bei einem Bauern in Tarmitz, vor allem in der Korn- und Kartoffelernte. Da kann sie die kleinen Kinder mitnehmen. Die größeren müssen sich ihr Brot selbst verdienen.
Als Ernst acht Jahre alt ist, muss er als Hütejunge auf das Gut "Vor-Lüchow" in Kolborn, dessen Besitzer  von Knesebeck heißen. ... Während er auf den großen Wiesen die Kühe des Grafen hütet, sammelt er Pilze 
Kiebitznest. 1968 in damals noch nassen Wiesen von Tarmitz aufgenommen. und holt Kiebitzeier aus den Nestern, die er dann in Lüchow beim Arzt oder Rechtsanwalt verkauft. 
So spart er sich die Groschen für ein paar Stiefel selbst zusammen. Die braucht er unbedingt, denn auf den Wiesen ist es nass. 
Im Winter lernt er bei den Knechten auf dem Gut das Korbflechten und Besenbinden. 
Er geht in Tarmitz zur Schule und wird in Lüchow konfirmiert.
Ansichtskarte
Mit 14 Jahren geht Ernst wieder nach Hause und macht dort die Landwirtschaft. Sein Vater hat noch Acker zugepachtet, so dass sie mehr Vieh halten können. 
Der  älteste  Bruder Johann, dem offiziell das Haus gehört, arbeitet seit einiger Zeit in der Zuckerfabrik in Salzwedel. Die Arbeitsbedingungen in der Fabrik sind schlecht. Zwölf Stunden Arbeit täglich, auch sonnabends, sind üblich. Die Luft in der Fabrik ist miserabel. Er wird krank und stirbt mit 25 Jahren an TB.
Da Ernst nun der Älteste ist, erbt er den elterlichen Besitz in Tarmitz (etwa 1905). Der jüngere Bruder Karl geht schon früh aus dem Haus. Mit 22 Jahren heiratet er nach Rehbeck. Die Schwester Anna geht nach Uelzen in Stellung. Mit 21 Jahren heiratet sie dort den Milchkaufmann Fritz Lehmker.
Um den jüngsten Bruder Wilhelm sollten sich die Geschwister kümmern. Hauptsächlich legt die Mutter dies ihrem Sohn Ernst ans Herz. Wilhelm ist 14 Jahre jünger als Ernst und macht später in Uelzen eine Gärtnerlehre. 
Jetzt sind nur noch Ernst und seine Schwester Minna bei den Eltern zu Hause. Ernst hat kein Handwerk erlernt. Er ist mit Leib und Seele Landwirt. 

Tarmitz (Vierhausen), etwa 1920, Haus der Grebiens

Doch die Wirtschaft in Tarmitz wird ihm bald zu klein. Er pachtet sich 1910 einen größeren Hof von 105 Morgen in Langenhorst.
Der Pachthof von Ernst Grebien in Langenhorst. (Foto aus späterer Zeit). Seine Schwester Minna geht mit ihm. Sie treiben ihr Vieh, das sie sich im Laufe der Jahre erworben haben, querfeldein von Tarmitz über Rehbeck und Weitsche bis Langenhorst. Der Pachthof von Ernst Grebien in Langenhorst. (Foto aus späterer Zeit).

Die Eltern behalten eine Kuh, zwei Schweine und Hühner. Das Pachtland geben sie auf. Nun ist Platz im Haus. Das nutzt die Mutter zur Zimmervermietung. 

In Langenhorst treffen sich zwei Spuren der Geschichte.

Während des Weltkriegs ist Ernst Grebien Mitte 30 und wird nicht an die Front geschickt, sondern als Wachmann für Kriegsgefangene in Langenhorst eingesetzt. Er kann dort seine Landwirtschaft weiter betreiben.

Lina Kofahl kann im letzten Jahr des Krieges auf dem Hof in Wibbese entbehrt werden und geht nach Langenhorst auf den Hof Gause, wo wegen Fronteinsatz die Männer fehlen.
Die Bauersleute Gause halten große Stücke auf Lina und wünschen, dass ihr Sohn sie nach Kriegsende heiraten wird.

Doch Ernst Grebien hat ein Auge auf das tüchtige Mädchen geworfen, welches 14 Jahre jünger ist als er. Man versucht, ihn ins schlechte Licht zu rücken. Als sie sich ein paar Tage nicht sehen können, schreibt er ihr einen Brief. Einige Stellen sind leider nicht mehr entzifferbar:

„Tarmitz, den 28. März 1918
Meine herzgeliebte Lina,
verweile augenblicklich in Tarmitz. Es ist mir immer eine Freude, wenn ich hier sein kann in meinem trauten Heim. Hier in aller Ruhe, wie immer so gedenke ich auch heute dein. Da es mir nicht noch möglich ist, um genug Verabredung mit Dir zu halten, lasse ich Dir diese paar Zeilen zukommen. Liebe Lina, wenn ich auch in letzter Zeit in Langenhorst nicht viel Erfreuliches....
Darum geliebtes Herz achte nicht auf das Geschwätz anderer Menschen, die immer Unfrieden erwecken wollen. Aber dennoch fürchte ich mich nicht, bin meiner Sache gewiß, habe ich Dich einmal als der Friede und Trost meines Lebens auserkoren und hoffe gegenseitiges auch von Dir. Viel Leid und Schmerz, geliebtes Herz, hast Du mit durchmachen müssen. Fasse nur frischen, frohen Mut, verlaß Dich nur auf den allmächtigen Gott, der alles wohl zu führen versteht. Der wird auch fernerhin uns helfen.
Bei unserem letzten gemeinsamen Treffen, da wir uns unterhielten über zukünftige Zeiten, ...... wollen wir beiseite schieben, denn wir wandeln im Glauben und nicht im ...... Nur frohen Mut und freien Sinn mag alles. Für heute Schluß. Unter vielen tausend Grüßen und Küssen verbleibe ich Dein Ernst.“

Es gibt keine gesicherte Auskunft zu dem Foto. (Spät im Nachlass gefunden.) Wahrscheinlich gehört es zu nebenstehendem Text.

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