Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



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Buchvorstellung:

Magnus Czora, Unter Aufsicht.

 

Ein schriftstellerisch begabter Junger Mann von 19 Jahren hat einen Roman fertig gestellt, der mit seiner politischen Sichtweise nicht in die normierte Gesellschaft zu passen scheint. Aber die Tatsache, dass ein Jugendlicher einen solchen Roman schreibt, zeigt doch, dass es noch eine gesellschaftskritische Bewegung in der Jugend gibt, die wir resignierten 68er längst tot gesagt haben.
Obwohl der Autor aus Süddeutschland kommt, hat sein Buch einen starken Bezug zum Wendland. Er ist trotz jugendlichen Alters  viel in Europa und Nordafrika auf eigene Faust unterwegs gewesen und hat nicht nur im Wendland an Aktionen und Jugendkongressen teilgenommen. Der Roman ist nicht autobiographisch. Dennoch fließen offensichtlich seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen und die politischen Diskussionen mit Gleichaltrigen in den Handlungsablauf ein. Man spürt, dass er dabei war. Ich habe mich jedenfalls gleich festgelesen.

Leseprobe:

 

 

 Bereich Service

 

 
 

"In den Zügen ist Alkoholkonsum nicht gestattet", meint der Schaffner, nach Familienvater aussehend, mit besorgtem Blick zu meinem Kumpel, der gerade eine Bierdose öffnet. "Das ist aber mein Frühstück", erwidert dieser mit einem Grinsen, während er das Wochenendticket wegsteckt. Der Familienvater-Schaffner schüttelt bloß den Kopf und geht weiter durch den Bummelzug, der wohl bald seit 30 Jahren in Betrieb ist.
Die Sonne scheint, es ist einer dieser ersten schönen Tage im Februar. Vielleicht gegen halb zehn ist es jetzt und der Tag ist eigentlich viel zu schön und der Vormittag viel zu früh zum Biertrinken; aber egal, Provokation muss sein, mit 14 Jahren sowieso. Ich nehme auch einen Schluck von der umweltverschmutzenden, schäumenden Dose und grinse. Der Zug rattert, draußen ziehen die Bäume, die sich bestimmt auch über die ersten Sonnenstrahlen des Jahres freuen, vorbei. Pia, die nicht mitgekommen ist, meint ja, daß Bäume auch eine Seele haben; die Cannabispflänzchen auf dem Balkon ihrer Mutter behandelt sie zumindest so, als wäre die Psyche der Pflanzen sehr empfindlich.
Wir nähern uns Heidelberg, ich werde nervös; meine erste Demo, mein erster Kontakt zu Leuten, die linkspolitisch wirklich was machen. Die Rechtsradikalen wollen heute marschieren, das soll ihnen nicht ungehindert möglich sein.
Mike betrachtet die Spikes seines Irokesenschnitts in einem kleinen Spiegel, den ihm die beiden türkischen Mädchen, die uns gegenüber sitzen, hinhalten. Der zweieinhalb Jahre ältere Mike scheint sie mehr zu interessieren als ich. Ich ziehe mein neues Stachelnietenhalsband an, sie meinen, es stehe mir gut. Es quietscht, der Zug hält. Wir haben den Ausstieg fast verpennt.
Die Treppe führt uns hinauf zum Ausgang des Bahnhofs. Die zahlreichen Japaner schauen interessiert, ansonsten werden wir trotz unseres punkigen Aussehens nicht allzu sehr beachtet, ganz anders als Zuhause auf dem Dorf. "Bitte bleiben sie mal stehen, Ausweiskontrolle", meint einer aus einer Gruppe Polizisten, der sich breitbeinig in den Ausgang stellt.

 
 
"Kritische Masse" Jugendzeitung für Umwelt und Politik der BUNDjugend schreibt dazu:
 

Die Polizisten stören etwas, aber wir zeigen es deutlich:
Gegen Atommafia und dumpfe Staatsgewalt setzen wir Kreativität und Lebenslust. Es ist ein toller, wilder Tanz. Wir brauchen keinen Atomstrom dazu, unsere Stimmen sind laut und das Feuer ist hell.“

In seinem Roman „unter aufsicht“ zeichnet Magnus Czora ein Bild der Umwelt-bewegung, wie es bunter kaum sein könnte: Wut und Lebensfreude, Dynamik und Resignation stehen in ständigem Kontrast zu einander. Den vierzehnjährigen Sohn eines Offiziers führt sein Freiheitsdrang immer tiefer in eine Subkultur, die so ganz anders als die bürgerliche Gesellschaft ist. Je weiter er sich aber von seinem geregelten Dorfleben entfernt, desto stärker wird er sich auch seiner Fesseln bewusst. Seine Suche nach einem Leben, dass ihm nicht von Eltern, Lehrern oder Polizei diktiert wird beschreibt der Protagonist auf eine Art, dass man ihn kaum als Erzähler bezeichnen möchte. Der Leser sitzt mit ihm im Zug zu seiner ersten Demo, tanzt mit durch die Nacht und begleitet ihn auf seinem Weg.

Erfreulicherweise versucht Magnus Czora in seinem Erstlingswerk nicht, andere Autoren zu kopieren, sondern hat im Gegenteil einen ganz eigenen Schreibstil gefunden. Die Verwendung von szenetypischen Ausdrücken wirkt nicht übertrieben oder künstlich, sondern zeigt, dass der Autor nicht nur Beobachter sondern auch Teil der Bewegung ist. Meist schlicht, bildhaft und direkt, so dass ein sehr lebendiger Eindruck entsteht. Die unkonventionelle Verwendung von Adjektiven verleihen dem Buch stellenweise aber zugleich etwas fast poetisches. Dies macht die Geschichte nicht nur sprachlich interessant, sondern auch die Stimmung der jeweiligen Situation intensiv erfahrbar. Unterbrochen wird der ansonsten fantasievolle Schreibstil einige male durch eher sachlich dargestellte Hintergrundinformationen. Für jene, die keinen Kontakt zur linken Szene haben, mag es interessant sein, etwas über alternative Medien oder Genua zu erfahren. Leser, die sich bereits mit derartigen Themen beschäftigt haben, werden in diesen (glücklicherweise seltenen und kurzen) Abschnitten aber wohl wenig Neues finden.

Unter aufsicht“ bietet Einblicke in die umweltpolitische Bewegung Europas. Trotz einiger beinahe idyllisch wirkender Passagen ist es doch ehrlich und authentisch. Es zeigt mutige Aktionen und sinnlose Provokation, harmonisches Zusammenleben und Streit, wie Menschen sich ihre Träume bewahren oder aufgeben. So vermag es Außenstehenden Zugang zu einer fremden Subkultur und der Gefühlswelt eines jungen Idealisten zu verschaffen. Bereits als „erwachsen“ registrierte politisch Aktive nimmt es mit auf eine Reise in die eigene Jugend.

Magnus Czora aber geht es um mehr. Mit seinem Buch zeigt er, wie aus der Sehnsucht nach einer gesunden Welt und Frieden auch Hass und Gewalt entstehen kann. Er zeigt, wie eigenverantwortliches Handeln unterdrückt und der Ruf nach Freiheit mit Tränengas erstickt wird. Und er zeigt, dass es irgendwo zwischen Straßenschlachten, Verordnungen und Uniformen immer auch Menschen gibt.
Martin Weller

 
Magnus Czora, Unter Aufsicht. Packpapierverlag Osnabrück, August 2005. Preis 5,- €.
Bestellung beim Autor http://www.magnux.de oder im Kleinen Shop.

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