Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



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Mützingen um 1900 bis 1925

 

 

 

 

 

 

 

1907 stellt Carl Ehrenfort aus Sarenseck einen Bauantrag für die Errichtung einer Ziegelei in der Gemarkung Wibbese, die bis an den Ortsrand von Mützingen reicht. (Unterlagen im Hauptstaatsarchiv in Hannover). Der Lageplan, eine Skizze, die hier von mir nachgezeichnet wurde, enthält nur wenige Details, die aber alle für den Verlauf unserer Geschichten Bedeutung haben.

 

Auf der Originalskizze ist mit Wibbeser Siegel vermerkt:
Die Richtigkeit des Lageplans bestätigt
Der Gemeindevorsteher Heuer
Wibbese 1.3.1907

Das Land nördlich des Weges gehört Bauer Kofahl in Wibbese (siehe Wibbese 1900). Auf dem damaligen Heideland steht heute Wald.
Eine Grube ist nicht eingezeichnet. Demnach besteht vielleicht vor der Einrichtung der Ziegelei noch kein Kofahlscher Sand- oder Tonabbau.
Der eigentliche Ort Mützingen liegt außerhalb der Skizze und besteht zu dieser Zeit aus wenigen Höfen. Aber der eingezeichnete Hof Niehus mit Wohnhaus und Stallgebäude ist der Ausgangspunkt unser später folgenden Geschichte von Lisa Bakowski, geb. Niehus.
Ergänzung im Juli 2010
Peter Hoffmann schreibt:

"Die Lehmgruben lagen ca. 400 m entfernt oben im Wald. Wenn man auf der Straße vor der Ziegelei steht ganz links und dann auf den leichten Hügel hoch (da wo man wirklich nie hinkommt). Die Lorenschienen gingen bis dahin. Das war eine enorme Entfernung u. technische Bravourleistung. Als ich dort aufwuchs, waren sie leer und die neue Lehmgrube in Zernien. Diese alten Wibbeser Lehmgruben waren Teiche, als ich Kind war (herrlich) und sind heute wohl zugewachsen und versumpft."

 
Carl Ehrenfort beginnt umgehend mit dem Bau der Ziegelei, die zunächst aus einem Ofenhaus und zwei Trockenschuppen besteht. Schon im nächsten Jahr beantragt er als weitere Bauten einen 25 m hohen Kamin, einen Ringofen als zusätzlichen Brennofen und eine Druckkesselanlage.
Ehrenfort stellt den Ziegeleimeister Wilhelm Prange aus Charlottenburg ein, der Wohnung in Wibbese findet und von den Arbeitern ist Wilhelm Schulz aus Mützingen namentlich genannt.
Es ist eine naheliegende Vermutung, dass es Carl Ehrenfort ist, der auf dem Foto hinter der Kofahl-Tochter steht.
In den Folgejahren findet die Betriebsaufsichtsbehörde in der Ziegelei mehrmals zahlreiche Beanstandungen bezüglich Sicherheit und Einrichtungen für die Beschäftigten. Es werden zwar alle geforderten Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt, aber Ehrenfort scheint das alles (jedenfalls für sich selbst) nicht ernst zu nehmen. Ein Polizeibericht von 1922 sei hier wiedergegeben:
 
Tödlicher Unfall in der Ziegelei am 16.11.1922

Landjägeramt Jameln
Anzeige eines Unfalls des Ziegeleibesitzers Carl Ehrenfort in Wibbese Kreis Dannenberg
Jameln 25.11.1922
An den Herrn Landrat
Am 16. des Monats um 9 Uhr vormittags ist der Ziegeleibesitzer Carl Ehrenfort in Wibbese Kreis Dannenberg in seinem Betrieb verunglückt, wobei er seinen sofortigen Tod gefunden hat.
Bei dem Unfall war kein Augenzeuge zugegen. Die Leiche des Verunglückten wurde von den Ziegeleiarbeitern in der Nähe der großen Transmissionsscheibe gefunden.
Der Ziegeleiarbeiter Jansen aus Mützingen sowie alle anderen Arbeiter der Ziegelei geben an, dass Ehrenfort die Angewohnheit hatte, immer durch den großen Antriebsriemen zu klettern. Auf die große Gefahr ist der Verunglückte oft aufmerksam gemacht worden. Er hat dieselbe jedoch nie beachtet.
Den fraglichen Morgen hat Ehrenfort mit der Dampfmaschine, welche sonst die Ziegeleipresse treibt, Schrotmühlen angetrieben. Diese Arbeit besorgte er selbst. Um zu den Schrotgängen zu gelangen, ist er sehr wahrscheinlich wie schon öfter statt um das Kesselhaus herum, durch den großen Antriebsriemen geklettert. Hierbei kann der Riemen seine Kleidung erfasst haben, ihn auf die Transmissionsscheibe geworfen und an Pfeiler- und Mauerecken zerschlagen haben.
Ein Verstoß gegen Unfallverhütungsvorschriften liegt nicht vor.
Die Transmissionswelle und Scheiben sowie Antriebsriemen liegen in einem abgeschlossenen Raum.
Der Unfall hätte nicht passieren können, wenn Ehrenfort nicht selbst leichtfertig durch Riemen und Wellenlagen geklettert wäre.
Gez. Schote
Jameln

Peter Hoffmann schreibt weiter:
"Der Bericht des Herrn Schote über den Unfall von Carl Ehrenfort deckt sich genau mit dem, was mir meine Großmutter und ganz alte Arbeiter der Ziegelei als Kind erzählt haben. - Ehrenfort war ein echter Draufgänger und es passte zu ihm, auf diesen Riemen herumzuklettern. Riemen kreuz und quer über dem Koller ! Auf die Idee wären wir nicht mal als verrückte Kinder gekommen.
Aber er war auch enorm jung und wohl ein bisschen genial. Mit Anfang 20 einen solch großen Betrieb zu gründen.... Das haut einen schon um...
Meine Großmutter, Hulda Dierssen ( ja ja, aus der großen Dierssen-Sippe, Mehlfien,Tüschau etc..) , war seine Ehefrau. Sie war gerade 22, als es passierte. Nun saß sie mit dem Betrieb und etwa 40 Mitarbeitern da. Sie gab Heiratsanzeigen in mehreren überregionalen Zeitungen auf und lernte so meinen Großvater, Alfred Hoffmann, kennen. Sie suchte ausdrücklich nicht nur einen Mann sondern vor allem auch einen Experten für das Ziegeleiwesen. Und genau das war er. Er war der zweitälteste (so ein Pech) Sohn des Ziegeleibesitzers Otto Hoffmann aus Glogau. Dies war nun die Gelegenheit für Beide; und genauso dachte man damals....
Und ob man´s glaubt oder nicht : Es wurde Liebe draus...."

 

 
Eine Dampfmaschine stand auch bei Heinrich Schulze, Schmied und Maschinenbauer, in Mützingen. Schmiede-Schulze (geb. 1896 in Mützingen) erzählte:
1910 bekamen wir die erste Dampfdreschmaschine. Sie wog über 100 Zentner. Geheizt wurde mit Holz und Kohle. Vom Dampf wurde die Dreschmaschine angetrieben. Dann konnten die ganzen Garben reingelegt werden. Das Getreide wurde ein wenig auseinandergezogen. Das Korn wurde rausgeknüppelt. Das Stroh kam 50 cm lang geschnitten heraus und musste dann gepresst werden. Ein Wagen war in ungefähr 1/4 Stunde durchgedroschen. Zu mir kamen die Bauern aus dem Dorf und einige kleinere Bauern auch aus Wibbese zum Dreschen.
Einige Besitzer von Dampfdreschmaschinen zogen damals auch von Dorf zu Dorf."

Hermann Bischoff aus Wibbese erzählte:
"Bis 1904 hat mein Vater noch das Korn mit dem Dreschflegel aus dem Getreide geschlagen. Dann bekamen wir die erste Dreschmaschine, die mit Pferden (Göpel s. u.) angetrieben wurde. Die kleinen Bauern fuhren nach Mützingen zum Schmiede-Schulze, der schon eine große Dreschmaschine hatte."
Beide Zitate aus: "Vörbi - över nich vergeten"
 

Hof Niehus in Mützingen

Christoph Niehus war Oberförster im Forst Dragahn und als seine erste Frau zwei Jahre nach der Hochzeit starb, hatte er die jüngste Tochter des Försters Eggert aus Mützingen geheiratet. Deren Schwestern Hedwig und Ottilie Eggert (beide unverheiratet) leiteten die Jugendherberge in Hitzacker und der Bruder Hans Eggert arbeitete in der Stadtverwaltung von Lüchow.
Zur Zeit unserer Erzählung ist die einzige Tochter des Oberförsters Niehus, Elsbeth, eine junge Frau.
Der 1. Weltkrieg ist zuende, aber es bleiben größere Gruppen von russischen Kriegsgefangenen noch längere Zeit in den Dörfern. Wie die Nachkommen es später ausdrücken, hat Elsbeth Niehus "wohl mal eine schwache Stunde". Was auch immer abgelaufen sein mag. Sie wird schwanger und eine soziale Katastrophe nimmt ihren Lauf. Ob und wie sehr sie selbst gelitten hat, ist vorstellbar, jedoch nicht überliefert. Aber für die 1920 geborene Tochter Lisa wird später die Schulzeit zum Spießrutenlauf als "Russenbalg".
Elsbeth Niehus verdient als Schneiderin den Lebensunterhalt für sich und ihre uneheliche Tochter Lisa. Sie wird von den Bauern in die verschiedenen Dörfer gerufen und ist deshalb viel unterwegs.
Lisa wird von den Großeltern betreut. Seit Christoph Niehus schweres Gelenkrheuma hat und nur noch mit zwei Achselkrücken gehen kann, ist es ihm nicht mehr möglich, seinen Försterberuf auszuüben. Häufig sitzt Lisa auf Opas Schoß. „Wo is mien Popp?“ sagt er oft zur kleinen Lisa und sie muss ihm die umgefallenen Krücken reichen.
Niehus hat eine tatkräftige Frau und zusammen pachten sie einen Gasthof in Hohenzethen von Familie Niebuhr. Als Christoph Niehus nach wenigen Jahren stirbt, wird er in Himbergen beerdigt. Seine Witwe geht wieder nach Mützingen und ist deshalb in Wibbese begraben.
Für die alleinstehende Mutter Elsbeth Niehus gewinnt das Leben wieder eine Perspektive, als sie in Spranz Ernst Baas kennen lernt, dem die hässlichen gesellschaftlichen Normen den "Buckel runterrutschen". Er heiratet 1925 Elsbeth Niehus und wird der Tochter Lisa zum richtigen Vater.
Die Geschichte von Ernst Baas, der als Kindknecht nach Spranz gekommen war, ist ebenfalls überliefert.
Wir lassen jetzt Lisa Bakowski, geb. Niehus, erzählen:

"Mein Stiefvater war als Kind aus Hamburg "aufs Land" geschickt worden. Das heißt, er kam aus einer, wie man heute sagen würde, sozial schwachen Familie und sollte es beim Bauern besser haben. Aber dort wurden solche Kinder als billige Arbeitskräfte angesehen.

 
Er landete in Fließau, wo er es zunächst so schlecht antraf, dass die Nachbarn eine bessere Stelle für ihn suchten. Die fanden sie bei Bauer Jauch in Spranz. Auf dem großen Hof hatte es ein schweres Unglück gegeben. Der einzige Sohn war in das Getriebe eines Göpels (siehe Foto) geraten und hatte dabei ein Bein verloren. Bauer Jauch sah in dem Jungen aus Hamburg einen kräftigen Burschen, der auch für seinen behinderten Sohn ein Spielgefährte sein könnte. Tatsächlich wurden die beiden Jungen dicke Freunde und mein späterer Stiefvater arbeitete dort um 1925 als Wirtschafter, nachdem die alten Jauchs gestorben waren. Dann lernte er meine Mutter in Mützingen kennen, die mich als uneheliches Kind von einem russischen Kriegsgefangenen hatte. Das war für mich übrigens später sehr schlimm, aber er hat das akzeptiert und mich als Kind angenommen.


Göpel. An das lange Ende des Balkens wird ein Zugtier (Pferd, Kuh, Esel) angebunden. Durch stetigen Gang im Kreis wird das eiserne Getriebe gedreht und die Bewegung wird unterirdische über eine Welle auf das Riemenrad übertragen. Damit können unterschiedliche Maschinen angetrieben werden.  (Die Aufnahme stammt aus Beutow. Sammlung Renate Schulz, Zebelin. Siehe auch Göpel in Betrieb )

 

Ich erinnere mich an eine Feier, das muss die Hochzeit gewesen sein, da hat mich Lehrer Hard aus Wibbese auf den Arm genommen und gesagt: "Nächstes Jahr kommst du zu mir in die Schule." Deshalb weiß ich, dass das 1925 gewesen sein muss.
In Mützingen waren viele Kinder, die 1926 mit mir nach Wibbese in die Schule gingen. In Wibbese hatte ich auch eine Freundin. Das war Adele Kofahl. Wir haben doll zusammengehalten. Mit Heuers waren wir irgendwie verwandt. Den Onkel hab ich gern gehabt.
Aber ich ging nur ein halbes Jahr zu Lehrer Otto Hardt in die Schule, denn mein (Stief)Vater bekam eine Stelle als Forstschutzgehilfe und wir zogen in ein abgelegenes Nest mitten im Wald, nämlich nach Parpar. Dort war ich allein. Es gab keine anderen Kinder."

Bevor wir Lisa Niehus im einsamen Parpar weiter verfolgen, betrachten wir in den anderen Spuren, wie im zweiten Jahrzehnt der 1. Weltkrieg die Zukunftspläne der Familien durcheinander wirbelt.

Wir bleiben zunächst ganz in der Nähe von Mützingen
  bei Kofahls in Wibbese.
 

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