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Mützingen um 1900 bis 1925
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1907 stellt
Carl Ehrenfort aus Sarenseck einen Bauantrag für die Errichtung einer Ziegelei
in der Gemarkung Wibbese, die bis an den Ortsrand von Mützingen reicht.
(Unterlagen im Hauptstaatsarchiv in Hannover). Der Lageplan, eine Skizze, die
hier von mir nachgezeichnet wurde, enthält nur wenige Details, die aber alle für
den Verlauf unserer Geschichten Bedeutung haben.
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Auf
der Originalskizze ist mit Wibbeser Siegel vermerkt:
Die Richtigkeit des Lageplans bestätigt
Der Gemeindevorsteher Heuer
Wibbese 1.3.1907
Das Land nördlich des Weges gehört Bauer Kofahl in Wibbese (siehe
Wibbese
1900). Auf dem damaligen Heideland steht heute Wald.
Eine Grube ist nicht eingezeichnet. Demnach besteht vielleicht vor der
Einrichtung der Ziegelei noch kein Kofahlscher Sand- oder Tonabbau.
Der eigentliche Ort Mützingen liegt außerhalb der Skizze und besteht zu
dieser Zeit aus wenigen Höfen. Aber der eingezeichnete Hof Niehus mit Wohnhaus
und Stallgebäude ist der Ausgangspunkt unser später folgenden Geschichte von
Lisa Bakowski, geb. Niehus.
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Carl Ehrenfort beginnt umgehend mit dem Bau der Ziegelei, die
zunächst aus einem Ofenhaus und zwei Trockenschuppen besteht. Schon im
nächsten Jahr beantragt er als weitere Bauten einen 25 m hohen Kamin,
einen
Ringofen als zusätzlichen Brennofen und eine
Druckkesselanlage.
Ehrenfort stellt den Ziegeleimeister
Wilhelm Prange aus Charlottenburg ein, der Wohnung in Wibbese findet und von den
Arbeitern ist Wilhelm Schulz aus Mützingen namentlich genannt.
Es ist eine naheliegende Vermutung, dass es Carl Ehrenfort ist, der auf
dem Foto hinter der Kofahl-Tochter steht.
In den Folgejahren findet die Betriebsaufsichtsbehörde in der Ziegelei mehrmals zahlreiche
Beanstandungen bezüglich Sicherheit und Einrichtungen für die
Beschäftigten. Es werden zwar alle geforderten Sicherheitsmaßnahmen
durchgeführt, aber Ehrenfort scheint das alles (jedenfalls für sich
selbst) nicht ernst zu nehmen. Ein Polizeibericht von 1922 sei hier
wiedergegeben: |
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| Tödlicher Unfall in der Ziegelei am 16.11.1922
Landjägeramt Jameln
Anzeige eines Unfalls des Ziegeleibesitzers Carl Ehrenfort in Wibbese Kreis
Dannenberg
Jameln 25.11.1922
An den Herrn Landrat
Am 16. des Monats um 9 Uhr vormittags ist der Ziegeleibesitzer Carl Ehrenfort in
Wibbese Kreis Dannenberg in seinem Betrieb verunglückt, wobei er seinen
sofortigen Tod gefunden hat.
Bei dem Unfall war kein Augenzeuge zugegen. Die Leiche des Verunglückten wurde
von den Ziegeleiarbeitern in der Nähe der großen Transmissionsscheibe gefunden.
Der Ziegeleiarbeiter Jansen aus Mützingen sowie alle anderen Arbeiter der
Ziegelei geben an, dass Ehrenfort die Angewohnheit hatte, immer durch den großen
Antriebsriemen zu klettern. Auf die große Gefahr ist der Verunglückte oft
aufmerksam gemacht worden. Er hat dieselbe jedoch nie beachtet.
Den fraglichen Morgen hat Ehrenfort mit der Dampfmaschine, welche sonst die
Ziegeleipresse treibt, Schrotmühlen angetrieben. Diese Arbeit besorgte er
selbst.
Um zu den Schrotgängen zu gelangen, ist er sehr wahrscheinlich wie schon öfter
statt um das Kesselhaus herum, durch den großen Antriebsriemen geklettert.
Hierbei kann der Riemen seine Kleidung erfasst haben, ihn auf die
Transmissionsscheibe geworfen und an Pfeiler- und Mauerecken zerschlagen haben.
Ein Verstoß gegen Unfallverhütungsvorschriften liegt nicht vor.
Die Transmissionswelle und Scheiben sowie Antriebsriemen liegen in einem
abgeschlossenen Raum.
Der Unfall hätte nicht passieren können, wenn Ehrenfort nicht selbst
leichtfertig durch Riemen und Wellenlagen geklettert wäre.
Gez. Schote
Jameln
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Eine Dampfmaschine stand auch bei Heinrich Schulze, Schmied
und Maschinenbauer, in
Mützingen. Schmiede-Schulze (geb. 1896 in Mützingen) erzählte:
1910 bekamen wir die erste Dampfdreschmaschine.
Sie wog über 100 Zentner. Geheizt wurde mit Holz und Kohle. Vom Dampf wurde
die Dreschmaschine angetrieben. Dann konnten die ganzen Garben
reingelegt werden. Das Getreide wurde ein wenig auseinandergezogen. Das
Korn wurde rausgeknüppelt. Das Stroh kam 50 cm lang geschnitten heraus
und musste dann gepresst werden. Ein Wagen war in ungefähr 1/4 Stunde
durchgedroschen. Zu mir kamen die Bauern aus dem Dorf und einige
kleinere Bauern auch aus Wibbese zum Dreschen.
Einige Besitzer von Dampfdreschmaschinen zogen damals auch von Dorf zu
Dorf."
Hermann Bischoff aus Wibbese erzählte:
"Bis 1904 hat mein Vater noch das Korn mit dem
Dreschflegel aus dem Getreide geschlagen. Dann bekamen wir die erste
Dreschmaschine, die mit Pferden (Göpel s. u.)
angetrieben wurde. Die kleinen Bauern fuhren nach Mützingen zum
Schmiede-Schulze, der schon eine große Dreschmaschine hatte."
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Hof Niehus in Mützingen
Christoph Niehus war Oberförster im Forst Dragahn und als seine erste Frau
zwei Jahre nach der Hochzeit starb, hatte er die jüngste Tochter des Försters
Eggert aus Mützingen geheiratet. Deren Schwestern Hedwig und Ottilie Eggert (beide unverheiratet)
leiteten die Jugendherberge in
Hitzacker und der Bruder Hans Eggert arbeitete in der Stadtverwaltung von Lüchow.
Zur Zeit unserer Erzählung ist die einzige Tochter des Oberförsters Niehus,
Elsbeth, eine junge Frau.
Der 1. Weltkriegs ist zuende, aber es bleiben größere Gruppen von russischen
Kriegsgefangenen noch längere Zeit in den Dörfern. Wie die Nachkommen es später
ausdrücken, hat
Elsbeth Niehus "wohl mal eine schwache
Stunde". Was auch immer abgelaufen sein mag. Sie wird schwanger und eine soziale
Katastrophe nimmt ihren Lauf. Ob und wie sehr sie selbst gelitten hat, ist
vorstellbar, jedoch nicht
überliefert. Aber für die 1920 geborene Tochter Lisa wird später die Schulzeit zum
Spießrutenlauf als "Russenbalg".
Elsbeth Niehus verdient als Schneiderin den Lebensunterhalt für sich und ihre uneheliche Tochter
Lisa. Sie wird von den Bauern in die
verschiedenen Dörfer gerufen und ist deshalb viel unterwegs.
Lisa wird von den Großeltern betreut. Seit Christoph Niehus
schweres Gelenkrheuma hat und nur noch mit zwei Achselkrücken gehen kann, ist es
ihm nicht mehr möglich, seinen Försterberuf auszuüben. Häufig sitzt Lisa auf Opas
Schoß. „Wo is mien Popp?“ sagt er oft zur kleinen Lisa und sie muss ihm die
umgefallenen Krücken reichen.
Niehus hat eine tatkräftige Frau und zusammen pachten sie einen Gasthof in Hohenzethen von Familie
Niebuhr. Als Christoph Niehus nach wenigen Jahren stirbt, wird er in Himbergen beerdigt.
Seine Witwe geht wieder nach Mützingen und ist deshalb in Wibbese begraben.
Für die alleinstehende Mutter Elsbeth Niehus gewinnt das Leben wieder eine Perspektive, als sie in Spranz
Ernst Baas kennen lernt, dem die hässlichen gesellschaftlichen Normen den
"Buckel runterrutschen". Er heiratet 1925 Elsbeth Niehus und wird der Tochter
Lisa zum richtigen Vater.
Die Geschichte von
Ernst Baas, der als Kindknecht nach Spranz gekommen war, ist ebenfalls
überliefert.
Wir lassen jetzt
Lisa Bakowski, geb. Niehus, erzählen:
"Mein Stiefvater war als Kind aus Hamburg "aufs Land"
geschickt worden. Das heißt, er kam aus einer, wie man heute sagen würde, sozial
schwachen Familie und sollte es beim Bauern besser haben. Aber dort wurden
solche Kinder als billige Arbeitskräfte angesehen.
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| Er landete in Fließau, wo er es
zunächst so schlecht antraf, dass die Nachbarn eine bessere Stelle für
ihn suchten.
Die fanden sie bei Bauer Jauch in Spranz. Auf dem großen Hof hatte es ein
schweres Unglück gegeben. Der einzige Sohn war in das Getriebe eines
Göpels (siehe Foto) geraten und hatte dabei
ein Bein verloren. Bauer Jauch sah in dem Jungen aus Hamburg einen
kräftigen Burschen, der auch für seinen behinderten Sohn ein
Spielgefährte sein könnte. Tatsächlich wurden die beiden Jungen dicke
Freunde und mein späterer Stiefvater arbeitete dort um 1925 als
Wirtschafter, nachdem die alten Jauchs gestorben waren. Dann lernte er
meine Mutter in Mützingen kennen, die mich als uneheliches Kind von
einem russischen Kriegsgefangenen hatte. Das war für mich übrigens
später sehr schlimm, aber er hat das akzeptiert und mich als Kind
angenommen. |

Göpel. An das lange Ende des Balkens wird ein Zugtier (Pferd, Kuh, Esel)
angebunden. Durch stetigen Gang im Kreis wird das eiserne Getriebe
gedreht und die Bewegung wird unterirdische über eine Welle auf das
Riemenrad übertragen. Damit können unterschiedliche Maschinen
angetrieben werden. (Die Aufnahme stammt aus
Beutow. Sammlung Renate Schulz, Zebelin. Siehe auch
Göpel in Betrieb
) |
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Ich erinnere mich an eine Feier, das muss die Hochzeit
gewesen sein, da hat mich Lehrer Hard aus Wibbese auf den Arm genommen und
gesagt: "Nächstes Jahr kommst du zu mir in die Schule." Deshalb weiß ich, dass
das 1925 gewesen sein muss.
In Mützingen waren viele Kinder, die 1926 mit mir nach Wibbese in die Schule
gingen. In Wibbese hatte ich auch eine Freundin. Das war Adele Kofahl. Wir haben
doll zusammengehalten. Mit Heuers waren wir irgendwie verwandt. Den Onkel hab
ich gern gehabt.
Aber ich ging nur ein halbes Jahr zu Lehrer Otto Hardt in die Schule, denn mein (Stief)Vater
bekam eine Stelle als Forstschutzgehilfe und wir zogen
in ein abgelegenes Nest mitten im Wald, nämlich nach Parpar. Dort war ich
allein. Es gab keine anderen Kinder."
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Bevor wir Lisa Niehus im einsamen Parpar weiter verfolgen, betrachten
wir in den anderen Spuren, wie im zweiten Jahrzehnt der 1. Weltkrieg
die Zukunftspläne der Familien durcheinander wirbelt.
Wir bleiben zunächst ganz in der Nähe
von Mützingen
bei Kofahls in Wibbese.
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(Seite erstellt im Oktober 2008) |
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